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Empört Euch PDF Empört Euch!

Unautorisierte Übersetzung aus
INDIGNEZ-VOUS !
STÉPHANE HESSEL
Auf den ersten Blick scheint der Aufruf von
Stéphane Hessel an die ohnehin zur Empörung
neigenden Franzosen gerichtet zu sein.
Bei näherer Betrachtung erkennt man jedoch:
es ist ein Aufruf an alle Menschen dieses
Planeten – gerichtet an alle Menschen, die
generationsübergreifend, verantwortungsbewusst
denken und handeln wollen.

Es war uns wichtig, diesen Aufruf so schnell wie möglich in
unserem Sprachraum und in unserer Sprache zu verbreiten.
Nicht zuletzt entstand diese Arbeit auch aus der Empörung
über die ewig Gestrigen und die aktuelle „Nichtempörung“ über
einen deutschen Buchautor, der 2010/2011 das erfolgreichste
„Sachbuch“ aller Zeiten in Deutschland platzieren konnte.
Anstatt sich für friedliche und konstruktive Lösungen
einzusetzen, erreichte der Autor, dass der Hass und die
Gewalt innerhalb unserer Gesellschaft weiteren Nährboden
finden. Stéphane Hessel zeigt in eindrucksvollen Worten
den anderen, friedlichen, aus der Summe seiner Erfahrungen
entstandenen Weg.

Cornelia Weigel & Friedrich Kreuzeder



Empört Euch!
93 Jahre. Es ist wohl der letzte Abschnitt. Das Ende ist nicht mehr fern. Welches
Glück, die Fähigkeit zu besitzen sich an das erinnern zu können, was die Basis
meines politischen Engagements dargestellt hat: die Jahre des Widerstandes und das
vor genau 66 Jahren entwickelte Programm des Nationalrates des Widerstandes! Wir
verdanken hier dem Delegierten Jean Moulin die Vereinigung aller Gruppierungen
des besetzten Frankreichs, der Bewegungen, der Parteien, der Gewerkschaften, aller,
die ihre Zustimmung für ein kämpfendes Frankreich gaben und einen einzigen
Chef anerkannten: General de Gaulle. In London, wo ich im März 1941 General de
Gaulle traf, erfuhr ich, dass dieser Rat ein Programm aufgestellt hatte, welches am
15. März 1944 angenommen wurde. Es beinhaltet Vorschläge tiefgreifender sozialer
Erneuerung für ein befreites Frankreich, die das Fundament der neuen Demokratie
unseres Landes bilden sollte.
Diese Grundsätze und Werte brauchen wir heute mehr denn je. Es obliegt uns allen
gemeinsam darauf zu achten, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft bleibt, auf
die wir weiterhin stolz sein können: Keine Gesellschaft die auf „Menschen ohne
juristische Legitimation“ mit Vertreibung reagiert, mit Argwohn Immigranten
begegnet, keine Gesellschaft, in der die Rentenansprüche und der Besitz sozialer
Sicherheit permanent in Frage gestellt werden, keine Gesellschaft, in der die Medien
ausschließlich in den Händen der „Reichen“ sind. Zusammenfassend alles Dinge,
die wir als echte Erben des Nationalrates des Widerstandes nicht gutgeheißen hätten.
Seit 1945, nach einem entsetzlichen Drama, gibt es ein anspruchsvolles
Wiederaufleben der bestehenden Kräfte im Inneren des Widerstandsrates. Erinnern
wir uns, dass die soziale Sicherheit im Sinne des Widerstandes begründet wurde,
mit dem Ziel, allen Menschen das Grundbedürfnis nach materieller Sicherheit zu
gewährleisten. Ganz besonders in Zeiten, in denen sie nicht oder nur unzureichend
aus eigener Kraft, für ihr existenzielles Überleben sorgen können. Eine Rente, die
allen Arbeitnehmern einen würdevollen Lebensabend sichert. Die Energiequellen
Strom und Gas, die Kohlebergwerke, die großen Banken sind nationalisiert. Das
Programm empfiehlt „die Rückkehr zur Nation der großen, monopolistischen
Produktionsmöglichkeiten, Frucht der gemeinsamen Arbeit, der Energiequellen,
der Bodenschätze, der Versicherungen und großen Banken“; „die Einrichtung
einer „wirklich wirtschaftlichen“ und sozialen Demokratie, die die Abschaffung des
wirtschaftlichen und finanziellen Feudalismus beinhaltet.“
Das Interesse der Allgemeinheit muss vorrangig vor dem Interesse des Einzelnen
sein, die gerechte Aufteilung des durch die Arbeitswelt geschaffenen Reichtums

vorrangig vor der Macht des Geldes. Der Widerstand empfiehlt: „eine vernünftige
Organisation der Wirtschaft, mit der Gewährleistung einer Unterordnung des
Einzelinteresses unter das Gemeininteresse und der Befreiung aus der Diktatur, wie
es in den faschistischen Ländern sichtbar war“. Diese Forderung wurde durch die
vorläufige Regierung der Republik verstärkt.
Wahre Demokratie benötigt eine unabhängige Presse. Der Widerstand ist sich dessen
bewusst, fordert und verteidigt die Pressefreiheit, das Ansehen ihrer Unabhängigkeit
hinsichtlich des Staates, der Macht des Geldes und der ausländischen Einflüsse. Dies
verstärkt noch die seit 1944 bestehenden Forderungen an die Presse. Allerdings ist
genau das heute in Gefahr.
Der Widerstand fordert: die effektive Möglichkeit für alle französischen Kinder,
ohne Selektion oder Beschränkung von einer hochentwickelten Schulerziehung
zu profitieren, aber die vorgeschlagenen Reformen in 2008 richten sich gegen
diese Vorhaben. Junge Lehrer, deren Aktionen ich unterstütze, verweigerten die
Anwendung dieser Reformen und als Strafe wurden ihre Gehälter gekürzt. Sie haben
sich empört, waren „ungehorsam“, haben diese Reformen als zu weit entfernt
vom Ideal einer republikanischen Schule gesehen. Diese jungen Lehrer sahen die
Reformen überwiegend zu Gunsten der Leistungsgesellschaft und ohne ausreichende
Berücksichtigung des kreativen und kritischen Potenzials.
Die Basis der sozialen Errungenschaften wird somit heute in Frage gestellt.
Das Motiv des Widerstandes ist die Empörung
Man wagt es uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungen-
schaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld fehlen, obwohl der
Reichtum seit der Befreiung nach 1945 exorbitant angestiegen ist. Dies scheint
nur möglich, weil die von der Résistance bekämpfte Macht des Geldes niemals so
groß, so anmaßend und egoistisch war wie heute und bis in die höchsten Ränge des
Staates hinein, über eigene Interessensvertreter verfügt. Die inzwischen privatisierten
Banken kümmern sich nur noch um ihre Dividenden und die ausufernden
Einkommen ihrer leitenden Manager, nicht aber um das Gemeinwohl. Die Kluft
zwischen Arm und Reich wird ständig größer und das Streben nach Geld und
Einfluss gewinnt immer mehr an Bedeutung.
Das Grundmotiv des Widerstandes war die Empörung. Wir, die Veteranen der Wider-
standsbewegung und der kämpfenden Kräfte des freien Frankreichs, appellieren

an die junge Generation, das Erbe des Widerstandes und die Ideale neu aufleben
zu lassen und sie weiter zu verbreiten. Wir sagen ihnen: „nehmt es auf Euch,
empört Euch!“ Die Verantwortlichen der Politik, Wirtschaft, die Intellektuellen
und die Gesamtheit der Gesellschaft dürfen nicht klein beigeben, sich auch nicht
beeindrucken lassen durch die aktuelle internationale Diktatur der Finanzmärkte,
die den Frieden und die Demokratie bedrohen.
Ich wünsche Euch allen, jedem einzelnen von Euch, sein eigenes Motiv der Em-
pörung zu seiner Herzensangelegenheit zu machen, denn diese ist ein kostbares
Gut. Wenn Euch etwas empört, so wie mich der Nazismus empört hat, dann wird
man streitbar, stark und engagiert. So gestaltet man den Lauf der Geschichte mit,
und der große Lauf der Geschichte muss sich, dank jedem Einzelnen, hin zu mehr
Gerechtigkeit und Freiheit fortsetzen – weg von der „unkontrollierten Freiheit
eines Fuchses im Hühnerstall“. Die Rechte, die durch die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte von 1948 zu Papier gebracht wurden, sind universell. Wenn Ihr
jemandem begegnet, den man nicht daran Teil haben läßt, empört Euch mit ihm
und helft ihm, diese Rechte durchzusetzen.
Zwei Betrachtungsweisen der Geschichte
Wenn ich versuche zu verstehen, was den Faschismus verursacht hat sage ich
mir, dass ihre Anhänger fürchterliche Angst vor der bolschewistischen Revolution
hatten. Der Faschismus und das Vichy-Regime haben uns deshalb überrollt. Aber
wenn sich heute wie damals, eine Minderheit Gehör verschafft, würde diese Hefe
ausreichen, um den Teig aufgehen zu lassen. Sicher, die Erfahrung eines sehr Alten
wie mir, der in 1917 geboren wurde, unterscheidet sich von den Erfahrungen der
jungen Leute von heute. Ich bitte oft Hochschullehrer um die Erlaubnis, mit ihren
Schülern sprechen zu dürfen und ich sagen ihnen: ihr habt nicht die gleichen
offensichtlichen Gründe, um euch zu engagieren. Für uns Widerständler war der
erste Grund, die deutsche Besatzungsmacht nicht zu akzeptieren. Das war relativ
einfach nachvollziehbar. Die nachfolgende Dekolonialisierung war ebenso einfach
zu verstehen. Dann folgte der Krieg in Algerien. Es war offensichtlich, dass Algerien
unabhängig werden musste.
Beim Sieg der Roten Armee über die Nazis in 1943 bei Stalingrad haben wir noch
alle applaudiert. Aber als wir 1935 über die großen stalinistischen Vorhaben
Kenntnis erlangten und uns bewusst war, dass wir offene Ohren gegenüber dem
Kommunismus haben mussten, war die Notwendigkeit sich diesem totalitären
Systems zu widersetzen, offensichtlich. Ebenso wie es notwendig war, dem

amerikanischen Kapitalismus entgegenzutreten und seiner ungehinderten
gewaltsamen Ausbreitung Grenzen aufzuzeigen.
Mein langes Leben hat mir eine ganze Reihe von Gründen
gegeben, mich zu empören.
Diese Gründe sind weniger aus einem Gefühl heraus entstanden, sondern aus dem
Willen sich für etwas einzusetzen. Der junge „Normale“ der ich war, wurde sehr
durch Jean-Paul Sartre geprägt, einem älteren Mitschüler. Die Werke Der Ekel,
Die Mauer, Das Sein und das Nichts, waren sehr wichtig für meine gedankliche
Entwicklung. Sartre hat uns gelehrt, uns selbst zu sagen: „Ihr seid als Individuum
verantwortlich.“ Das war eine befreiende Botschaft. Die menschliche Verantwortung,
die sich weder einer Macht noch einem Gott zu unterwerfen hat. Im Gegenteil,
man muss sich im Namen seiner Persönlichkeit verantworten. Als ich 1939 in die
Schule kam, Rue d’ Ulm, in Paris, war ich ein leidenschaftlicher Anhänger des
Philosophen Hegel und ich besuchte ein Seminar von Maurice Merleau-Ponty.
Sein Unterricht befasste sich mit der konkreten Erfahrung des Körpers und dessen
Beziehung zur Dualität der Sinne. Aber mein natürlicher Optimismus der sich
wünscht, dass alles Wünschenswerte auch möglich ist, ließ mich Hegel näher
stehen. Der „Hegelianismius“ interpretiert die lange Menschheitsgeschichte als eine
stufenweise, fortschreitende Entwicklung der Freiheit des Menschen. Die Geschichte
besteht aus einer Reihe aufeinanderfolgender, heftiger Erschütterungen als Preis
dieser Herausforderung. Die Gesellschaftsgeschichte schreitet voran, und am Ende,
nachdem der Mensch seine vollständige Freiheit erlangt hat, erreichen wir den
demokratischen Staat in seiner Vollendung.
Natürlich gibt es auch andere Betrachtungsweisen der Geschichte. Die gemachten
Fortschritte durch Freiheit, Wettbewerb, das Rennen um „immer mehr“, können
wie ein zerstörerischer Wirbelsturm wirken. Verkörpert wird dies durch einen Freund
meines Vaters, der Mann, der gemeinsam mit ihm die Aufgabe hatte, das Buch
„ Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust, ins Deutsche zu
übersetzen. Es ist der deutsche Philosoph Walter Benjamin. Er interpretierte
ein Gemälde des schweizerischen Malers Paul Klee den „Angelus Novus“ als
pessimistische Botschaft. Die Figur des „Engels der Geschichte“ öffnet die Arme,
als ob er ein Unwetter zurückhalten oder zurückstoßen wollte, was für Benjamin
gleichbedeutend mit der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts ist. Für Benjamin, der
um den Nazis zu entkommen, im September 1940 Selbstmord beging, liegt der Sinn
der Geschichte im unaufhaltsamen Weg von Katastrophe zu Katastrophe.

Gleichgültigkeit ist die schlimmste Haltung
Die Gründe sich zu empören könnten heute als weniger klar erscheinen, da die
Welt zu komplex ist. Wer bestimmt, wer entscheidet? Es ist nicht immer einfach zu
unterscheiden, welche Strömungen uns gerade regieren. Wir haben es nicht mehr
mit einer kleinen Elite zu tun, von der wir klar verstehen, warum sie so handelt. Es
ist eine große Welt, in der wir merken, dass gegenseitige Abhängigkeit herrscht. Wir
leben in einer noch nie da gewesenen, globalen Verknüpfung. Aber in dieser Welt
gibt es unerträgliche Dinge. Um sie zu sehen, muss man sehr genau hinschauen,
suchen. Ich sage den jungen Leuten: „sucht ein bisschen, ihr werdet sie finden“.
Die schlimmste Haltung ist die Gleichgültigkeit, die bedeutet: „ich kann nichts
dafür, ich komme schon klar“. Mit einem solchen Verhalten verliert ihr einen
unverzichtbaren Bestandteil der Menschlichkeit. Es ist die Empörung und das
daraus resultierende Engagement.
Man kann schon jetzt zwei große neue Herausforderungen erkennen:
1. Die sich stetig vergrößernde immense Kluft, die zwischen den Ärmsten und
den Reichsten dieser Welt besteht. Die in dieser Ausprägung erst im XX. und XXI.
Jahrhundert aufgetreten ist. Die Ärmsten dieser Welt verdienen heute weniger als
2 Dollar am Tag. Man darf diese Kluft nicht noch tiefer werden lassen. Allein diese
Feststellung muss Engagement wecken.
2. Die Menschenrechte und der Zustand unseres Planeten. Nach der Befreiung hatte
ich das Glück, als Mitautor bei der Formulierung der Allgemeinen Deklaration der
Menschenrechte mitwirken zu können. Die UNO verabschiedete diese am
10. Dezember 1948 im Palais Chaillot in Paris.
Unter der Leitung des Kabinetchefs Henri Laugier, als stellvertretendem General-
sekretär der UNO, und Sekretär der Gemeinschaft der Menschenrechte habe ich,
zusammen mit anderen an der Abfassung dieser Erklärung mitgewirkt. Nie werde
ich die Rolle von René Cassin bei der damaligen Ausarbeitung vergessen. Er war
in 1941 Nationalkommissar für Justiz und Erziehung der freien französischen
Regierung in London und erhielt den Friedensnobelpreis in 1968. Ebenfalls unver-
gessen bleibt die Rolle von Pierre Mendès-France im Wirtschafts- und Sozialrat,
der für die von uns erarbeiteten Texte verantwortlich war, bevor sie von der Dritten
Kommission der Nationalversammlung hinsichtlich der sozialen, humanitären
und kulturellen Fragen geprüft wurden. Ich unterstützte die Arbeit des Sekretariats
der Kommission, die aus den 54 damaligen Staatsmitgliedern der Vereinten
Nationen bestand. Wir verdanken René Cassin den Begriff „universell“ und nicht
„international“, wie es unsere angelsächsischen Freunde vorgeschlagen hatten.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ging es um die Befreiung von den Gefahren,
die der Totalitarismus der Menschheit gebracht hatte. Somit war es notwendig, dass
sich die Vereinten Nationen zur Achtung dieser universellen Rechte verpflichteten.
Auf diese Weise kann sich ein Staat, der die Verletzung der Menschenrechte in
seinem Land toleriert, nicht auf seine Souveränität berufen. Dies war bei Hitler
der Fall, der sich als uneingeschränkter Herrscher seines Landes sah und einen
Völkermord veranlasste. Die Erklärung der Menschenrechte verdankte viel dem
weltweiten Abscheu vor Nazionalsozialismus, Faschismus und Totalitarismus und
durch unsere Anwesenheit, auch dem Geist der Résistance. Ich fühlte, dass wir uns
beeilen mussten, um nicht durch die geheuchelte Zustimmung der Sieger betrogen
zu werden die nicht die Absicht hatten, diese Werte auch loyal zu fördern. Wir
versuchten ihnen diese Verpflichtung aufzuerlegen.
Ich zögere nicht, den Artikel 15 der universellen Deklaration der Menschenrechte zu
zitieren: „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit.“;
den Artikel 22: „Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale
Sicherheit; er hat Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und inter-
nationale Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Hilfsmittel jedes Staates,
in den Genuss der für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit
unentbehrlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen.“
Selbst wenn diese Deklaration lediglich eine deklarative und keine rechtliche
Funktion hat, spielt sie seit 1948 keine geringe Rolle. Kolonialisierte Völker nutzten
diese Deklaration als gedankliche Inspiration zu ihrem Kampf für Unabhängigkeit
und Freiheit.
Ich stelle mit Freuden fest, dass sich in den letzten Jahrzehnten die „nicht-staat-
lichen“ Organisationen vermehrt haben: soziale Bewegungen wie Attac (Gesellschaft
für die Überprüfung von finanziellen Transaktionen), FIDH (Internationale Gesell-
schaft für Menschenrechte), Amnesty International (internationale Gemeinschaft
von MenschenrechtsverteidigerInnen), sind aktiv und erfolgreich. Es ist klar,
um heute maximale Wirkung zu erzielen, muss man sich in einem Netzwerk
organisieren, um alle modernen Kommunikationsmittel effektiv nutzen zu können.
Den jungen Leuten sage ich: schaut euch um, ihr findet genug Themen, euch zu
empören – wie man mit den Immigranten umgeht, mit „Menschen ohne juristische
Legitimation“ (illegale Einwanderer), mit den Roma und Sinti. Ihr werdet konkrete
Situationen finden, die euch zu kraftvollem Handeln als Bürger veranlassen werden.
Sucht und ihr werdet finden!

Meine Empörung bezüglich Palästina
Heute, gilt meine Hauptempörung Palästina, dem Gaza-Streifen, dem Westjordan-
land. Dieser Konflikt ist Hauptquelle meiner Empörung. Man muss dazu unbedingt
den Report von Richard Goldstone vom September 2009 über Gaza lesen, indem
dieser südafrikanische Richter und Jude, der sich selbst Zionist nennt, die israelische
Armee beschuldigt, während ihrer dreiwöchigen Operation „Plomb durci“ (hartes
Blei) kriegsverbrecherähnliche Aktionen, in einigen Fällen sogar Verbrechen gegen
die Menschenrechte begangen zu haben.
Ich selbst bin mit meiner Frau in 2009 nach Gaza zurückgekehrt, konnte dank
unserer diplomatischen Pässe einreisen, um uns mit eigenen Augen von den Aus-
sagen des Berichtes zu überzeugen. Die Leute, die uns begleiteten, hatten keine
Einreiseerlaubnis für den Gaza-Streifen sowie für das Westjordanland. Wir haben
die Flüchtlingslager der Palästinenser besucht, die seit 1948 durch die UNRWA
(Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) be-
stehen. Dort warten mehr als 3 Millionen von Israel aus ihrem Land vertriebene
Palästinenser auf ihre Rückkehr, die immer problematischer wird. Gaza ist ein
Gefängnis mit offenem Himmel für 1,5 Millionen Palästinenser. Ein Gefängnis, in
dem sie ihr Überleben organisieren. Mehr noch als die materiellen Zerstörungen,
wie die des Rot-Kreuz-Krankenhauses durch die „Plomb durci“, war es das Verhal-
ten der Bewohner von Gaza, ihr Patriotismus, ihre Liebe zum Meer und den
Stränden, ihre stetigen Bemühungen um das Wohlbefinden ihrer unzähligen und
lachenden Kinder, das unser Denken nicht loslässt. Wir waren beeindruckt von
der erfinderischen Art der Menschen, mit der sie den auferlegten großen Mangel
bewältigen. Wir haben sie erlebt bei der Fabrikation von falschen Zementsteinen, um
tausende, von Panzern zerstörte Häuser wieder aufzubauen. Man hat uns bestätigt,
dass es 1400 Tote gab – Frauen, Kinder, Alte – eingesperrt im Palästinensischen
Lager, während dieser von der israelischen Armee durchgeführten Operation „Plomb
durci“. Auf israelischer Seite gab es dagegen nur 50 Verletzte zu beklagen. Ich teile
die Schlussfolgerungen des südafrikanischen Richters, Richard Goldstone: „Nur
die Juden dürfen Kriegsverbrechen begehen.“ Das ist unerträglich. Leider zeigt die
Geschichte, dass nur wenige Völker eine Lehre aus ihrer eigenen Geschichte ziehen.
Ich weiß, dass die Hamas, die bei den letzten Wahlen gewonnen hatte, nicht ver-
hindern konnte, dass Raketen auf israelische Städte geschossen wurden. Als Antwort
auf die Situation der Isolation und die Blockade der Gaza-Bewohner. Mit Sicherheit
ist der Terrorismus inakzeptabel, aber man muss unter Berücksichtigung der weit
überlegenen militärischen Mittel der Gegenseite bedenken, dass die Reaktion der
Bevölkerung nicht gewaltfrei sein kann.

Nutzt es der Hamas Raketen auf die Stadt Sdérot abzuschiessen? Die Antwort ist
„Nein“. Es dient nicht der Sache, aber man kann diese Geste als Verzweiflungsakt
der Gaza-Bewohner verstehen. In der Aussage „Verzweiflungsakt“ muss man die
Gewalt als eine bedauerliche Folge von Zuständen sehen, die für die Menschen die
darunter leiden inakzeptabel sind. Man kann also sagen, dass Terrorismus eine
Form von Verzweiflung ist. Und dass diese Verzweiflung eine negative Ausdrucksform
ist. Man sollte nicht verzweifeln, sondern hoffen. Die Verzweiflung ist das Versagen
der Hoffnung. Sie ist verständlich, ich möchte fast sagen, sie ist natürlich, und
trotzdem darf sie nicht akzeptiert werden. Denn sie erlaubt keine Ergebnisse, die
vielleicht Hoffnung erzeugen können.
Wir müssen lernen, den Weg der Gewaltlosigkeit zu gehen
Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung
der verschiedenen Kulturen gehört. Auf diesem Weg sollte die Menschheit ihren
nächsten Schritt gehen. Und dann, ich beziehe mich auf Sartre, kann man die
Terroristen, die Bomben werfen, nicht entschuldigen, aber man kann sie verstehen.
Sartre schreibt in 1947:“ Ich sehe, dass Gewalt, in welcher Form sie sich auch immer
zeigt, eine Niederlage ist. Aber es ist eine unvermeidbare Niederlage, weil wir uns in
einem gewalttätigen Universum befinden. Und wenn es wahr ist, dass die Zuflucht
in die Gewalt immer Gewalt bleibt, mit dem Risiko sie zu verewigen, so ist es auch
wahr, dass sie die einzige Möglichkeit ist, sie zu beenden.“ Hier füge ich ein, dass
die Gewaltlosigkeit ein wesentlich sichereres Mittel ist, um Gewalt zu beenden. Man
kann die Terroristen nicht unterstützen, wie Sartre dies im Namen seiner Ideologie
lange Zeit tat: z.B. während des Algerienkriegs, oder beim Attentat gegen israelische
Sportler während der Olympischen Spielen in München 1972. Es bringt doch nichts
und selbst Sartre hatte sich am Ende seines Lebens nach dem Sinn des Terrorismus
fragen müssen und dessen Daseinsberechtigung in Frage gestellt. Zu wissen: dass
Gewalt ihre Wirkung verfehlt, ist wohl wichtiger als zu wissen, ob man diejenigen
die Gewalt anwenden verurteilen soll oder nicht. Der Terrorismus hat keine effek-
tive Wirkung. In der Bewertung „Wirksamkeit“ braucht man die Hoffnung auf
Gewaltlosigkeit. Wenn es eine gewalttätige Hoffnung gibt, dann allenfalls in der
Poesie von Guillaume Apollinaire: „Möge die Hoffnung gewaltsam sein“ aber nicht
in der Politik. Sartre erklärte im März 1980, drei Wochen vor seinem Tod: „Man
muss versuchen zu erklären, warum die Welt von heute, die schrecklich ist, nur
einen kurzen Ausschnitt in der langen geschichtlichen Entwicklung darstellt“. Die
Hoffnung war immer eine dominierende Kraft der Revolutionen und der Aufstände.
Hoffnung bedeutet für mich die Gestaltung der Zukunft: „Man muss begreifen, dass
die Gewalt der Hoffnung den Rücken zukehrt. Man muss stattdessen der Hoffnung
den Vorzug geben wollen, der Hoffnung auf „Gewaltlosigkeit“.