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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1
2. Historische Entwicklung
1
3. Analyse
3
3.1. Globale & nationale Rahmenbedingungen
3
3.1.1. Bausteine des Aufstiegs
3
3.1.2. Aktuelle Problemstellungen
5
3.1.3. Prognose
6
3.2. Wirtschaftspolitik
6
3.2.1. Bausteine des Aufstiegs
6
3.2.2. Aktuelle Problemstellungen
10
3.2.3. Prognose
11
3.3. Gesellschaftsstruktur
12
3.3.1. Bausteine des Aufstiegs
12
3.3.2. Aktuelle Problemstellungen
13
3.3.3. Prognose
15
4. Fazit & Ausblick
16
Anhang
18
Interviews
18
Sonstige Materialien
28
Literaturverzeichnis
31
Abbildungsverzeichnis
33
Versicherung
34

Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
1. Einleitung
Im Zuge der globalen Wirtschaftskrise überschlugen sich im Jahr 2009 die Schlagzeilen aus
Dubai. Der Aufschwung in der Stadt der Superlative schien - wenn man den europäischen
Medien Glauben schenken durfte - plötzlich stillzustehen. Durch das Platzen der weltweiten
Immobilienblase zu Beginn der Krise wurde Dubai an seiner vielleicht empfindlichsten Stelle
getroffen. Die Nachfrage nach den für Dubais Wirtschaft so wichtigen Immobilien brach völlig
zusammen, dementsprechend sanken auch die Preise um bis zu 40%1 und machten aus der
einst so belebten „Glitzermetropole“ eine teilweise menschenleere Stadt. Hunderte von
Baustellen wurden stillgelegt, in vielen exklusiven Restaurants waren plötzlich Plätze ohne
Reservierung zu haben, luxuriöse Shopping Malls warben mit Rabattaktionen unglaublichen
Ausmaßes und auf der einst von riesigen Verkehrsstaus geprägten vierzehnspurigen Sheikh
Zayed Road, der Verbindung zwischen Dubai und Abu Dhabi, herrschte kaum noch Betrieb.2
Bereits im November 2007, als das $ 1,5 Mrd. teure Luxushotel „The Atlantis“ mit einer wie-
derum $ 20 Mio. teuren Feier eröffnet wurde, waren nur 2 Wochen später auf Grund der
geringen Nachfrage Zimmer für weniger als 35€ pro Nacht buchbar. 3
Dubai war bis zur Wirtschaftskrise der sensationelle Überflieger und das weltweit anerkann-
te Vorbild einer „Global City“. Hat die einstige „Stadt der Zukunft“ nun selbst keine Zukunft
mehr?
2. Historische Entwicklung
Dubai wurde 1833 von unzufriedenen Untertanen des Scheiches von Abu Dhabi, dem im
Westen liegenden Geschwisterterritorum, als kleines Fischerdorf gegründet. Aus dieser Be-
gebenheit rührt bis heute eine traditionelle Rivalität zwischen den Emiraten. Zunächst lebte
das Dorf nur von Fischerei und Perlenzucht. Zum Schutz vor Piraterie wurde 1892 ein Ver-
trag mit Großbritannien abgeschlossen, der dem Vereinigten Königreich im Gegenzug exklusi-
ve Handelsrechte einräumte.4 In den folgenden Jahrzehnten gedieh der Perlenhandel als Ein-
nahmequelle einerseits dank des wachsenden Wohlstands Indiens und Europas und der damit
1 Scharfenort, 2009, S.40
2 Schindhelm, 2008, S.114
3 Schindhelm, 2008, S.114
4 Easterling, 2009, S.21
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Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
größeren Nachfrage, andererseits durch die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sehr liberale
und offene Haltung Dubais. Jegliche Importzölle waren abgeschafft und die vielen Immigran-
ten mit offenen Armen begrüßt worden, wodurch sich der Seehandel zwischen Indien und
Persien zunehmend nach Dubai verlagerte. Noch heute werden 85% der Importe re-expor-
tiert. Als 1902 der erste Freihafen entstand, zählte das Dorf jedoch noch immer nicht einmal
3.000 Einwohner. 5
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 und des damit verbundenen Niedergangs des Perlen-
handels entstand ein großes Armutsproblem in der Bevölkerung, das zu enormen politischen
und sozialen Spannungen und beinahe zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führte. Nur
durch benachbarte Herrscher und die immer noch als Schutzherren auftretenden Briten
konnte eine Eskalation verhindert werden.
Nachdem der Handel in Dubai während des 2.Weltkrieges fast vollständig zum Erliegen ge-
kommen war, brachte die Entdeckung von Erdölvorkommen im Jahre 1966 den entscheiden-
den Wandel. Zwar besitzt Abu Dhabi bis heute weitaus größere Erdölvorkommen als Dubai,
doch konnte letzteres als Umschlagplatz enorm profitieren und sich zum Wirtschaftszentrum
der Emirate aufschwingen. Auf Basis des neuen Wohlstandes wurden durch zahlreiche Infra-
strukturprojekte neue Wachstumsimpulse gesetzt. Durch den großen Strom nicht nur an Gü-
tern, sondern auch an hochqualifizierten Arbeitskräften, explodierte die Bevölkerungszahl
förmlich. Sie war von 59.000 Einwohnern im Jahre 1967 - kurz nach der Entdeckung des Öls -
auf fast 300.000 im Jahre 1980 gestiegen.6
1968 zog sich die britische Schutzmacht zurück. Innerhalb der folgenden 3 Jahre bildeten
sich die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) als ein unabhängiger Staatenbund, der Du-
bai als Emirat sowohl politische Stabilität und Einfluss als auch die Teilhabe am Reichtum
Abu Dhabis garantierte. In den folgenden Jahrzehnten symbolisierten etliche Großpro-
jekte und die entstehenden Freihandelszonen, die mit Steuerfreiheit und ausgezeichneter
Infrastruktur viele internationale Unternehmen anlockten, Dubais raschen Aufstieg. Auf
Grund der begrenzten eigenen natürlichen Ressourcen - in den 90er Jahren sackte die
Ölförderung von 410.000 Barrel pro Tag im Jahre 1991 auf 170.000 im Jahre 2000 ab, ca.
2020 sollen die Quellen Dubais erschöpft sein7 - entstand schon früh das Bewusstsein,
die Wirtschaft diversifizieren und sich auf den tertiären Sektor (Handel, Verkehr und an-
dere Dienstleistungen) konzentrieren zu müssen. Der so genannte „Non-Oil-Sektor“,
5 Schmid, 2009, S.57ff
6 Schmid, 2009, S.60ff
7 Butt 2001, S.232
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Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
der alle vom Öl unabhängigen Wirtschafts-
zweige umfasst, verzehnfachte sein Volumen
von 1975 bis 20008.
Parallel zu diesem Aufschwung im 20. Jh.
konnten die VAE als Verbund aus kleinen,
monarchistischen Reichen, den Emiraten, ein
Herrschafts- und Regierungsprinzip etablie-
ren, bei dem nationale und demokratische
Strukturen simuliert werden, um die Diktatur
der Dynastien zu festigen. Eine solche Struk-
tur ist zum Beispiel die pseudodemokratische
Volksvertretung, deren Abgeordnete 2006
zum ersten Mal in der Geschichte direkt ge-
wählt wurden, allerdings nur durch einen von
den Herrschern handverlesenen Kreis von
6.689 Bürgern. 9
Abb.1: Sheikh Zayed Road
Quelle: Dubai City Guide
3. Analyse
3.1. Globale & nationale Rahmenbedingungen
3.1.1. Bausteine des Aufstiegs
Eine der wesentlichen Vorraussetzungen für den rapiden Aufstieg Dubais bildet seine geogra-
fische Lage. Dubai profitiert von seiner strategisch günstigen Position zwischen „Ost“ und
„West“. „Die geografische Lage ist in der Tat perfekt. Dubai schließt die Lücke zwischen New York,
London, Hong Kong und Tokio. Im weltweiten Finanz- und Warenumlauf liegt Dubai strategisch an
der richtigen Stelle.
“10 Auch diente der Flughafen Dubais traditionell als Tankstopp zwischen
Europa und Asien und entwickelte sich parallel zum Frachtumschlagplatz.
8 Scharfenort 2004, S.83
9 Scharfenort, 2004, S.40
10 Wanders, 2009, S.175
3

Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
Auch das politische System der jungen Nation trug enorm zum Aufstieg der letzten Jahrzehn-
te bei. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die aus sieben Scheichtümern bestehen und eher
als Zweckgemeinschaft zur Behauptung gegen die mächtigen Nachbarstaaten gegründet wor-
den waren, zählen inzwischen 4,8 Mio. Einwohner, von denen ca. 84% als Arbeitsmigranten im
Land leben. Nur 16% der Bewohner besitzen die Staatsbürgerschaft, die restliche Bevölke-
rung setzt sich zu 10% aus andersstämmigen Arabern und zu 70% aus Asiaten zusammen. Eu-
ropäer und Nordamerikaner machen gerade einmal 1% der Gesamtbevölkerung aus. Die
Hauptstadt ist Abu Dhabi mit ca. 860.000 Einwohnern. Mit einer Bevölkerung von 1,8 Mio. ist
allerdings Dubai die mit Abstand größte Stadt und zugleich das größte Emirat der VAE, wobei
in Dubai gerade einmal 400.000 Frauen leben.11 Neben diesen beiden Emiraten gibt es noch
5 weitere: Ajman, Fujairah, Ras Al Khaima, Sharjah und Umm al-Qaiwain.
Nach der Verfassung der VAE sind diese ein Bundesstaat und die Emirate als Mitgliedsländer
frei und souverän bei der Bestimmung ihrer inneren Ordnung. Nur über die Außen-, Verteidi-
gungs- und Finanzpolitik entscheiden die VAE gemeinsam. Die gesamte Legislative und Exeku-
tive untersteht dem „Obersten Rat“, in dem die Staatsoberhäupter aller Emirate vertreten
sind, wobei traditionell die Emire Abu Dhabis und Dubais den Präsidenten und den Premier-
minister (Vizepräsidenten) stellen. Außerdem verfügen diese beiden Emire über ein Vetorecht
bei allen Entscheidungen.12 Zusammenfassend hat der Herrscher von Dubai, Sheikh Moham-
mad bin Rashid Al Maktoum, drei mächtige Positionen inne: Er ist alleiniger Gesetzgeber im
eigenen Emirat, Vorbereiter der Bundesgesetzentwürfe (im Obersten Rat) und unumgängli-
cher Mitbeschließer der Bundesgesetze. Diese Positionen machten ihm schnelle und unkom-
plizierte Entscheidungen sowie riskante und innovative Projekte möglich und sind somit eine
wichtige Vorraussetzung für Dubais Wirtschaftspolitik, die in Kapitel 3.2 behandelt werden
wird.
Des Weiteren kamen Dubai die stark ansteigenden Ölpreise sowie auch die Anschläge vom
11. September 2001 und der anschließende Irak-Krieg zugute. Milliarden von US-Dollars ara-
bischer Investoren sind in der Folge aus den USA abgezogen und vor allem in Dubai reinves-
tiert worden. Die Nachbarländer am Golf verpassten diese Gelegenheit zunächst, während
sich Dubai als „neuer Standort in einem globalen Logistik-, Wirtschafts-, Banken- und spekulativen
Geldinvestitionssystem
“13 etablierte.
11 Frech, 2008, S.9
12 Frech, 2008, S.9
13 Wanders, 2009, S.157
4

Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
3.1.2. Aktuelle Problemstellungen
Wie bereits erwähnt leidet Dubai besonders unter der globalen Wirtschaftskrise. Dies hat
seinen Grund vor allem darin, dass in Dubai über Jahre hinweg äußerst risikoreiche Immobili-
enspekulationen betrieben wurden, und obwohl sich ein Platzen der Immobilienblase unmit-
telbar abzeichnete, wurde der „Bauwahn“ immer weiter forciert. Im Jahr 2008 kam es dann
zum totalen Zusammenbruch des Marktes für Retail-Objekte. Retail-Objekte beschreiben
Immobilien, die von spekulierenden Investoren gekauft werden, um sie durch steigende Bau-
und Grundstückspreise kurze Zeit später - teilweise sogar vor Vollzahlung des Kaufpreises -
mit Gewinn weiterzuverkaufen. Projekte wie die künstlich erbauten Inseln (Palm Jumeirah,
Palm Deira, The World) wurden also eher zur Schaffung von Spekulationsobjekten denn von
tatsächlichem Lebensraum initiiert. Durch die dramatisch sinkenden Immobilienpreise sind
Teile Dubais immer noch leerstehend, da Nutzen und Konsequenzen der Projekte anschei-
nend nie reiflich überdacht wurden. Statt angemessenen Wohnraumes für die Mittelschicht,
die massenweise ins benachbarte Sharjah abwanderte, besaß Dubai ein viel zu hohes Angebot
an Luxusimmobilien.
Gerade infolge der Krise sieht sich Dubai inzwischen gegenüber seinen Nachbarländern im
Nachteil. Abu Dhabi oder auch Qatar konnten zum einen die Entwicklung Dubais als Vorbild
nehmen und sinnvolle Maßnahmen kopieren, zum anderen besitzen sie kontinuierliche Ölein-
nahmen, die auch in der Krise eine relativ stabile Kapitalgrundlage darstellen und mit denen
auch noch für die Zukunft zu planen ist. Abu Dhabi besitzt z.B. Öl zum Export für mindes-
tens 100 weitere Jahre.14 Durch diese Begebenheiten geriet Dubai in eine enorme finanzielle
Abhängigkeit von Abu Dhabi, dessen Notkredite bereits noch härtere Konsequenzen der
Wirtschaftskrise verhinderten. Beispielsweise geriet die Fertigstellung des damals noch „Burj
Dubai“ genannten, höchsten Gebäudes der Welt Anfang 2010 durch die hohe Staatsverschul-
dung in Gefahr und konnte nur durch eine Finanzspritze von über $ 10 Mrd. durch den
Scheich von Abu Dhabi, Khalifa bin Said al-Nayan, noch gerettet werden. Im Gegenzug trägt
das 828 Meter hohe Gebäude nun den Namen eben dieses Herrschers, „Burj Khalifa“, was
eine besondere Erniedrigung für das traditionell mit Abu Dhabi rivalisierende Dubai
darstellt.15
14 International Energy Agency, 2006
15 Süddeutsche Zeitung, 2010a
5

Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
3.1.3. Prognose
Festzuhalten bleibt, dass sich durch die (Immobilien-)Krise die Rahmenbedingungen der Öko-
nomie Dubais deutlich verschlechtert haben. Die Bautätigkeiten haben sich insgesamt stark
verlangsamt und sind wohl auf dem Weg, sich auf einem normalen, wirtschaftlich sinnvollen
Niveau einzupendeln. Obwohl zu erwarten war, dass der Boom dieses Marktes nicht ewig
anhalten würde, haben der Zeitpunkt und die Schnelligkeit des drastischen Absturzes Dubai
überrascht und gelähmt.
Es ist jedoch auch zu bedenken, dass die Wirtschaftskrise weltweit für große Probleme sorg-
te und ihren Ursprung in den USA und nicht etwa in Dubai hatte. Die Firmen in Dubai, die
sich jetzt in finanziellen Schwierigkeiten befinden, hatten oft eine verhältnismäßig solide Ge-
schäftsgrundlage. Das eigentliche Problem besteht in der restriktiven Kreditvergabe der Ban-
ken, die auf Grund der allgemeinen Verunsicherung z.B. nicht einmal mehr dem vor der Krise
sehr erfolgreichen und mit staatlicher Beteiligung unterstützten Immobilienriesen „Emaar
Properties“ Kredite gewähren. Die wirtschaftliche Situation entspannt sich jedoch langsam,
dementsprechend ist auch die Atmosphäre wieder optimistischer geworden. Die Krise hat
Dubai auf den Boden der Tatsachen gebracht, aber nicht das Genick gebrochen.
Natürlich hat sich an den geografischen Vorteilen Dubais in den letzten Jahren nichts Wesent-
liches geändert, wobei die Vorgänge im Iran - der Konfrontationskurs zum Westen, der mögli-
che Bau einer Atombombe - besonders kritisch beobachtet werden. Schließlich ist das Land
nur durch das Meer, genauer gesagt die nicht einmal 200 km breite „Straße von Hormus“ von
Dubai getrennt. Der mögliche Abzug einer großen Anzahl der so wichtigen ausländischen
Fachkräfte auf Grund der Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen könnte für Dubais
Wirtschaft fatal sein.
3.2. Wirtschaftspolitik
3.2.1. Bausteine des Aufstiegs
Die Politik, insbesondere die Wirtschaftspolitik wird in Dubai maßgeblich von der Herrscher-
familie beeinflusst. Saeed al Muntafiq, früherer Generaldirektor der DDIA (Dubai Develop-
ment and Investment Authority) veranschaulichte die politischen Gegebenheiten sehr tref-
fend: „People refer to our crown prince [damals noch der jetzige Emir Sheikh Mohammad] as the
chief executive officer of Dubai. It‘s because, genuinely, he runs government as a private business for

6

Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
the sake of the private sector, not for the sake of the state“16. Auch Heiko Schmid, der seit 2003
in einigen Wirtschaftsentwicklungs-Projekten Dubais mitarbeitet, äußerte sich dazu: „Wirt-
schaftspolitik bedeutet in Dubai häufig nicht nur, die entsprechenden steuerlichen, rechtlichen oder
infrastrukturellen Rahmenbedingungen zu schaffen, sondern diese gegebenenfalls durch eigene Inves-
titionen und wirtschaftliche Unternehmungen auszufüllen
“17. Die Wirtschaftspolitik bzw. Wirt-
schaftstätigkeit der Herrscherfamilie erinnert also stark an die einer Unternehmensführung.
Sie ist aber nicht allein durch Profitdenken, sondern auch durch wirtschaftspolitische Strate-
gie geprägt, z.B. bei der Tourismusförderung durch Investitionen in den Hotelsektor oder die
Gründung der Emirates Airline. Noch in den 70er Jahren waren die wirtschaftlichen Tätigkei-
ten der Herrscher deutlich weniger umfangreich und auf die Infrastruktur und den Energie-
sektor begrenzt, mittlerweile sind die ökonomischen Aktivitäten deutlich diversifizierter.
Die Effizienz dieser Wirtschaftspolitik wird besonders dadurch gesichert, dass auf eine Mitbe-
stimmung der Bürger verzichtet wird. Durch eine klare Hierarchie können die Planungspro-
zesse sehr schnell verlaufen, während in „langsamen“ Demokratien die öffentliche Meinung
berücksichtigt und die Übereinstimmung mit gesetzlichen Vorgaben, z.B. im Bereich des Um-
weltschutzes, geprüft werden müssen. Die oberste Ebene dieser Hierarchie besteht aus einer
überschaubaren Elite von Verwandten und engen Vertrauten des Scheichs, die trotz zahlrei-
cher Umstrukturierungen die führenden Rollen in den wichtigsten Firmen besetzen, meistens
sogar mehrere mächtige Positionen innehaben und dem Scheich direkt unterstellt sind. Es
sind auch diese Personen, die den „Executive Council“, das den Scheich beratende Parlament,
bilden. Im Prinzip kann man die Wirtschaftselite Dubais auf 4 Personen beschränken: Sheikh
Ahmad bin Saeed Al Maktoum (Leiter der „Emirates Airline“, Onkel des Emirs), Mohammad
Al Abbar (Leiter der Immobiliengesellschaft „Emaar Properties“), Sultan Ahmad Bin Sulayem
(Leiter der Investmentgesellschaft „Dubai World“) und Mohammad Abdallah Al Gergawi (Lei-
ter der Holdinggesellschaft „Dubai Holding“)18. Sie alle sind westlich ausgebildete Manager,
die Dubai über ihre (teils) staatlichen Unternehmen wie einen global agierenden Konzern
und nicht wie eine traditionelle arabische Monarchie führen.
Diese Form der Wirtschaftspolitik wäre in westlichen Ländern nicht denkbar, in Dubai jedoch
ist sie durch die gegebenen Rahmenbedingungen gefestigt. Die Einnahmen des Staates aus
dessen umfangreichen wirtschaftlichen Tätigkeiten ersetzen das Element der Steuererhebung.
Dadurch erreicht die Verwaltung eine gewisse Unabhängigkeit von der Gesellschaft: Der Staat
legitimiert seine absolute Herrschaft durch das Fehlen von Steuern und anderen öffentlichen
Lasten und sichert sie durch die gezielte Bevorzugung und Diskriminierung von Gruppen so-
16 Schmid, 2009, S.88
17 Schmid, 2009, S.94
18 Schmid, 2009, S.90
7

Dubai im Wandel - Vom Überflieger zum Problemfall? Seminararbeit von Karin Eberhard
wie die durch Abhängigkeit erzwungene Loyalität einzelner Führungspersonen. Diese Elemen-
te bilden die Basis für die gezielte Wirtschaftspolitik Dubais.
Der Staat Dubai verwendet seine unternehmerische Verfügungsgewalt für eine strategische
Wirtschaftspolitik, indem er Allianzen aus miteinander verflochtenen Unternehmen anstrebt.
Am deutlichsten wird dies im Tourismussektor: Unternehmen aus der gleichen Branche (ho-
rizontal, z.B. mehrere Hotels) oder aus verwandten Sektoren (vertikal, z.B. Hotels, Airlines,
Malls) besitzen gemeinsame Strategien, was auch durch die räumliche Nähe der kooperieren-
den Unternehmen in Dubai unterstützt wird.
Ein Beispiel soll dieses Zusammenspiel verdeutlichen: Die „Emirates Airline“ erweitert ihr
Streckennetz, gleichzeitig wird in der neuen Destination vom „Department of Tourism and
Commerce Marketing“ intensiv Werbung für Dubai als Messe-und Tagungsstandort betrieben,
während von der Hotelkette „Jumeirah“ um Touristen und von den Immobiliengesellschaf-
ten „Emaar“ und „Nakheel“ um Investoren geworben wird. Parallel dazu ergänzt der Scheich
das Marketing durch medienwirksame Staatsbesuche sowie eigene Auslandsinvestitionen und
unterstützt die Internationalisierung der aus Dubai stammenden Unternehmen: So führt z.B.
Jumeirah bereits Hotels in New York oder London.19
Der Scheich arbeitet somit vehement daran, aus Dubai eine vom Erdöl unabhängige, zu-
kunftsfähige Weltstadt zu machen, was in einer seiner Reden vor dem „World Economic Fo-
rum“ in Amman 2004 deutlich wurde: „The word ,impossible‘ is not in leaders‘ dictionaries. No
matter how big the challenges, strong faith, determination and resolve will overcome them.
“20 Als
Grund für Dubais Aufstieg wird deshalb häufig die konsequente und schnell umgesetzte Poli-
tik des Scheichs genannt. Er bevorzugt die Bewegung und experimentelle Projekte gegenüber
der Beharrlichkeit und Altbewährtem.
Ein wichtiger Baustein der Wirtschaftspolitik Dubais sind die Freihandelszonen, die „Free
Zones“, deren Zahl praktisch täglich steigt. Gerade neu gegründet wurde beispielsweise eine
Freihandelszone nur für Teppiche21. Diese Zonen sind „funktionsoptimierte Infrastrukturen
zur privaten Profitmaximierung“22, in denen Unternehmen von Steuerpflicht, Arbeitsschutz-
bestimmungen und Umweltauflagen befreit sind und die professionelle Erfüllung aller logisti-
schen Erfordernisse gewährleistet ist. Sie stellen sozusagen den selbstregulierenden, freien
Markt in seiner wohl reinsten Form dar. „Alle diese Gebiete sprechen bestimmte Geschäftsberei-
che an, man bezahlt entsprechend hohe Mieten, erhält den besten Service - und hat hundert Pro-

19 Jumeirah, 2010
20 Schmid, 2009, S.88
21 UAE Free Zones Directory, 2010
22 Blum & Neitzke, 2009, S.13
8